Brauch Blau Cover
Rezensionen

Rezension „Brauch Blau“ von Julia Malik

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Ehe man sich versieht, ist es schon wieder Montag Abend und bereits die erste Jahreshälfte ist um. Wer hätte gedacht, dass 2020 so verlaufen würde? Das plötzlich alle Menschen mit einem Mundschutz im Supermarkt und in der Öffentlichkeit sind? 1,5 Meter Sicherheitsabstand zum Schlagwort wird? Es kommt mir vor, als würden wir alle einem völlig abgedrehten Skript folgen. Aber sei es drum- begrüßen wir das neue Normal.

Ähnlich abgedreht geht es auch in Julia Malis Debütroman „Brauch Blau“ zu.

Kurzbeschreibung: »Brauch Blau« ist ein Roman über Mutterinstinkt, weibliche Lust, Versagensängste und Selbstbehauptung, wütend und abgründig, ironisch und leidenschaftlich, radikal und zärtlich. In schnell pulsierenden Sätzen, mit einer starken Sprache und einem zerreißend zarten Blick auf ihre Figuren erzählt Julia Malik von einer Frau, die sich wehrt.

Sie erwacht auf einem Hotelbett, sie ist unbekleidet. Ihre Erinnerungen sind im Nebel, dringen nur splitterhaft zu ihr durch. Eine Erkenntnis fl utet wie eine heiße Welle ihr Bewusstsein: Sie hat zwei kleine Kinder! Wieso ist sie allein? Eines steht fest: Sie muss sie fi nden, und zwar schnell. Eine atemlose Suche beginnt. Sie rennt. Sie muss ihr Leben in den Griff und endlich diese Hauptrolle in der Oper bekommen. Alles steht auf dem Spiel: das Wohlergehen ihrer Kinder und ihr eigenes Selbstverständnis als Karrierefrau und Mutter, die verzweifelt versucht, sich gegen die Selbstaufopferung zur Wehr zu setzen, die ihr der Alltag als Alleinerziehende abverlangt. Sie hat es endgültig satt, allen immer nur zu gefallen. In Brauch Blau sieht eine Mutter rot. Es ist die Geschichte einer Frau, die kämpft: gegen ihre gesellschaftliche Rolle, die ihr den Atem abschnürt, gegen den Vater ihrer Kinder, der sie nicht nur verlassen hat, sondern der ihre Grenzen übertritt, gegen die Fremdbestimmtheit und nicht zuletzt gegen sich selbst. (Quelle: Frankfurter Verlagsanstalt)

Meine Meinung zu Brauch Blau

Hui, es ist gar nicht so einfach, dieses Buch in Worte zu fassen. Es ist definitiv anders als erwartet. Das Buch startet mit einem extrem schnellen Tempo, panisch sucht die Protagonistin, die wir nur unter dem Spitznamen „Schnulli“ kennen, nach ihren beiden Kindern. Wo sind die Kinder? Ich habe mich gefühlt, als würde ich ebenfalls nach einem totalen Filmriss mich mit Schnulli auf die Suche begeben. Hektisch, panisch, kurz davor, durchzudrehen und vor Verzweiflung zu schreien oder zu weinen. Wie ist sie überhaupt in das Hotelzimmer gekommen? Der erste Teil des Buchs hat mich irgendwie an den Film „Lola rennt“ erinnert, denn ähnlich wie im Film, rennt Schnulli auch die ganze Zeit durch die Gegend, ihre Gedanken nur auf die eine Sache fixiert, nämlich ihre Kinder zu finden.

Im darauf folgenden Teil geht es ruhiger zu. Wir erfahren mehr über Schnulli, die alleinerziehende Opernsängerin und Mutter von zwei kleinen Kindern. Sie ist hin und hergerissen, zwischen dem Spagat sich selbst für ihre Kinder aufzugeben und gleichzeitig eine Karriere als Opernsängerin machen zu wollen. Die Musik ist ihr Leben. Auch wenn in ihrem Kühlschrank und auf ihrem Bankkonto gähnende Leere herrscht, möchte sie weder sich einen Brotjob suchen, noch den Vater der Kinder, Herbert, um Alimente bitten. Denn Herbert, den sie ehemals zärtlich ihren Herkules nannte, hatte die Schnauze voll von dem Kindergeplärre. Konnte sich nicht richtig in deren Gegenwart entspannen und wünschte sich seine Frau als Geliebte, als sexuelle Frau zurück. Doch da waren ständig die Kinder, die ihre volle Aufmerksamkeit benötigten. Als zog Herbert aus, zu seiner neuen Freundin.

Die innere Zerrissenheit

Ich konnte mich in Schnulli gut hineinversetzen. Durch die Kinder befindet sie sich in einem Stadium der ständigen Fremdbestimmtheit und während die Kinder in der Kita sind, muss sie sich um den restlichen Krams kümmern. Essen im Supermarkt klauen, Gesangstraining, Vorsingen für Hauptrollen, Haushalt, usw. Kein Wunder, dass Schnulli sich überfordert fühlt. Auch die finanziellen Sorgen belasten sie sehr. Doch als Opernsängerin zu arbeiten ist ihr Lebenstraum, und den wird sie nicht aufgeben. Basta. Was mich persönlich aufgeregt hat, ist Schnullis Passivität. Sie bemitleidet sich ständig, gibt sich aber selbst ständig die Schuld. Auch in einer Gewaltszene mit Herbert verspürt sie keinen Hass, sondern macht sich selbst dafür verantwortlich, findet immer neue Entschuldigungen. Die Szene fand ich besonders hart zu ertragen.

Ende gut, alles gut?

Das Ende des Buchs ist ziemlich grotesk und absurd. Auch mit den komischen Sequenzen hatte ich gar nicht gerechnet. Der Plottwist ist Julia Malik unglaublich gut gelungen. Ich muss sagen, dass mich dieses Buch auch nachhaltig sehr berührt hat. Denn über all dem steht die Frage: Was will ich im Leben? Wofür setze ich mich ein?

Wer auf ungewöhnliche Bücher mit fast schon skurrilen Protagonisten steht, wird dieses Buch sehr gerne lesen. Achtung: Es ist definitiv kein Feel-Good-Roman. An einigen Stellen verdammt harte Kost. Aber wild, aufregend, Kapriolen schlagend und unberechenbar wie das Leben selbst.

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